Medizinische Trainingslehre

von

Univ. Prof. Dr. Paul Haber
Stellvertretender Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin IV am AKH Wien
Leiter des :
ZENTRUM FÜR MEDIZINISCHE TRAININGSTHERAPIE (REHABILITATION) UND TRAININGSBERATUNG
 1170 Wien, Rötzergasse 41/1  Tel.: +43 1 45 81 64 (485 81 64)

 

Zusammenfassung

Die medizinische Trainingslehre wird definiert als die theoretische Grundlage für die zufriedenstellende leistungsmedizinische Beratung von Gesunden und Kranken, vergleichbar in etwa mit der Arzneimittellehre für die internistische Beratung. Sie befaßt sich mit den Regeln, nach denen die körperliche Leistungsfähigkeit durch Training verbessert werden kann, indem die Morphologie und Funktion von Organsystemen gezielt verändert wird. Grundlage der medizinischen Trainingslehre ist die exakte Kenntnis der Wirkungen einzelner Trainingsformen und die Kenntnis einer Dosis - Wirkungsbeziehung zwischen Training und Trainingseffekt.

Es werden fünf motorische Grundeigenschaften genannt: Ausdauer, Kraft, Koordination, Flexibilität und Schnelligkeit. Weiters wird darauf hingewiesen, daß im wesentlichen nur Ausdauer und Kraft Gegenstand der medizinischen Trainingslehre sind. Diese beruhen auf der Morphologie und Funktion von Organsystemen und können durch Training verändert werden.

Ausdauer wird definiert als die Fähigkeit, durch Muskeltätigkeit verbrauchtes ATP zu resynthetisieren. Nach der Art der Resynthese lassen sich zwei aerobe, extensive und intensive aerobe Ausdauer, und zwei anaerobe Formen, lactazide und alaktazide anaerobe Ausdauer, unterscheiden. Diese vier Ausdauerformen werden biochemisch definiert, ihre Bedeutung für therapeutisches oder präventives Training gewichtet und die Trainingsmethodik exakt beschrieben und begründet.

Kraft wird als die Fähigkeit des Muskels, Spannung zu entwickeln, definiert. Auch die Trainingsmethoden für die Kraft werden exakt beschrieben und physiologisch begründet. Die Bedeutung für therapeutisches und präventives Training wird gewichtet.

Schließlich werden allgemeine Regeln und die spezielle Vorgangsweise zur Sportberatung bei Menschen mit erhöhtem gesundheitlichem Risiko und/oder mit chronischen Erkrankungen vorgestellt.

Was ist medizinische Trainingslehre ?

Dieser Begriff ist bislang in der Medizin und auch in den speziellen sportmedizinischen Lehrbüchern nicht gebräuchlich und bedarf daher einer Erläuterung. Die Notwendigkeit, diesen Begriff zu kreieren, ergab sich vor allem aus dem Bestreben, der praktischen internistisch-leistungsmedizinischen Tätigkeit eine ähnliche Grundlage zu geben, wie sie die innere Medizin in der Arzneimittellehre und die Chirurgie in der Operationslehre besitzt. Im Vordergrund der praktischen ärztlichen Tätigkeit auf dem Gebiet der Leistungsmedizin sollte nicht die physiologische Forschung oder ein leistungsdiagnostisches Testverfahren stehen, sondern die zufriedenstellende ärztliche Beratung. Dies bedeutet, daß auf der Basis der Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung, unter Zuhilfenahme leistungsdiagnostischer Verfahren, letztlich dem Ratsuchenden qualitativ und quantitativ exakte Anweisungen gegeben werden, wie er das Problem, das der Beratungsanlaß war, lösen kann. Es macht dabei keinen grundsätzlichen Unterschied, ob das Problem eine leistungssportliche Zielsetzung oder eine im Rahmen der medizinischen Rehabilitation betrifft. Die im Prinzip meistens richtige Empfehlung "machen Sie mehr Bewegung" entspricht diesem Anspruch ebensowenig, wie die undifferenzierte und meistens faIsche Empfehlung "vorsichtshalber keinen Sport zu betreiben".

Die medizinische Trainingslehre ist also die theoretische Grundlage für die zufriedenstellende leistungsmedizinische Beratung von Gesunden und Kranken.

Der Terminus besteht aus drei Anteilen:

Training

Training ist definiert als regelmäßige körperliche Belastung, die in der Lage ist, organische Wachstumsprozesse auszulösen, zum Zweck der Erhaltung oder Verbesserung der funktionellen Kapazität von Organen, Organsystemen und Stoffwechselprozessen. Dies findet in mit medizinischen Meßmethoden erfaßbaren Veränderungen von Morphologie und/oder Funktion dieser Organsysteme seinen Niederschlag. Training kann daher zur Verbesserung der allgemeinen körperlichen Leistungsfähigkeit genutzt werden und/oder zur Behandlung von gestörten Organ- oder Stoffwechselfunktionen. Es gibt noch eine Vielzahl anderer Definitionen für Training, aber die stammen aus dem Bereich des Sports und sind daher für medizinische Zwecke schlecht geeignet.

Training muß von anderen Möglichkeiten, die körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern, unterschieden werden. Bedeutsam ist vor allem das Üben, mit dem die Verbesserung der neuromuskulären Koordination, das heißt das Erlernen und Optimieren von Bewegungsabläufen bezeichnet wird, und das ebenfalls methodisch auf regelmäßiger körperlicher Bewegung beruht. Medizinisch ist dies z. B. für das Wiedererlernen des Gehens in der Rehabilitation von Bedeutung.

Medizinisch

Eines der Wesensmerkmale der modernen wissenschaftlichen Medizin ist, daß die diagnostische und therapeutische Vorgangsweise nicht dem Belieben des einzelnen Arztes überlassen ist, sondern durch die Schulmedizin mehr oder weniger standardisiert ist, wobei diese Reglementierung auf naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten beruht. Ein wesentlicher Punkt ist die Kenntnis der detaillierten Wirkung einer Maßnahme und der Beziehung zwischen der Dosis und der Wirkung. Auch für Training, wenn solches in der ärztlichen Empfehlung vorkommt, muß eine derartige Kenntnis verfügbar sein, da bei falschem Training oder falscher Dosis entweder Unwirksamkeit oder auch Gefährdung eines Patienten die Folge sein kann.

Lehre

Medizinisches Wissen muß in eine lehr- und lernbare Form gebracht werden können. Verfahren, die nur auf Basis der Intuition anwendbar sind, für die man also keine Regeln aufstellen kann, gehören mit Sicherheit nicht zur Schulmedizin.

Unterscheidung zur Trainingslehre des Sports

Der Hauptunterschied liegt in den Zielstellungen. Ziel der in der Trainingslehre des Sports zusammengefaßten Maßnahmen ist die Verbesserung einer bestimmten sportlichen Leistung; also z. B. des Kugelstoßes oder des 5000-m-Laufs oder des Doppelaxels, und nicht primär die Verbesserung von Organfunktionen. Die Entwicklung von Organ- und Stoffwechselfunktionen spielt nur insofern eine Rolle, als es zur Erreichung dieses Zieles erforderlich ist. Bei vielen Körpersportarten steht dies durchaus im Vordergrund und auf diesem Gebiet gibt es wesentliche Überschneidungen mit der medizinischen Trainingslehre, in der im übrigen erprobte Trainingsmethoden aus dem Sport nach entsprechender Prüfung und Adaptierung übernommen werden können (es ist nicht sinnvoll, das Rad zweimal zu erfinden). Bei anderen Sportarten stehen mentale Eigenschaften, Koordination oder Taktik im Vordergrund, deren Entwicklung ebenfalls in der sehr komplexen Trainingslehre des Sports enthalten ist, die aber für die medizinische Trainingslehre keine Rolle spielen.

Die motorischen Grundeigenschaften

Die Fähigkeit zur Lokomotion, zur Ortsveränderung durch Muskeltätigkeit, beziehungsweise die körperliche Leistungsfähigkeit ganz allgemein wird durch das Niveau von fünf motorischen Grundeigenschaften determiniert, die ihrerseits auf Form und/oder Funktion von Organ- und Stoffwechselsystemen beruhen.

Ausdauer

Ausdauer bedeutet, die Fähigkeit des Organismus durch Muskeltätigkeit verbrauchtes ATP zu resynthetisieren. Diese Fähigkeit basiert auf der funktionellen Kapazität der Atmung, des Herzens, des Kreislaufs und des Energiestoffwechsels der Skelettmuskulatur. Alle anderen, meist phänomenologischen Definitionen der Ausdauer lassen sich auf diese biochemische Definition zurückführen.

Nach der Art der ATP-Resynthese lassen sich zwei Haupt- und je zwei, also insgesamt vier, Unterformen der Ausdauer unterscheiden:

Die aerobe Ausdauer

ATP wird grundsätzlich auf dem Weg über den Zitratzyklus und die Atmungskette unter Verbrauch von Sauerstoff (O2) resynthetisiert. Nach Art des dabei verwendeten energieliefemden Substrates werden zwei Unterformen unterschieden:

Extensive aerobe Ausdauer

Das energieliefernde Substrat sind Fettsäuren, die in praktisch unbeschränkter Menge in den subkutanen Depots verfügbar sind. Diese Form wird bei niedriger Belastungsintensität genutzt, etwa bis 50 % der individuellen maximalen 02-Aufnahme und Blutlaktatspiegel von unter 4 mmol/l. Die Nutzung der extensiven aeroben Ausdauer hängt also nicht in erster Linie von der Belastungsdauer ab, wie häufig fälschlicherweise angegeben wird, wobei eine Zeitspanne ab etwa einer Stunde genannt wird, sondern von der niedrigen Intensität. Es ist also durchaus eine extensive Ausdauerbelastung von 15 Minuten Dauer möglich. Der Energieumsatz bei extensiver Ausdauerbelastung beträgt bei Untrainierten demnach ca. 1-6 METs (MET= metabolische Einheit = Grundumsatz). Das sind etwa 1-7,5 kcal/min.

Aerobes Ausdauertraining im extensiven Bereich ist das Fundament jeglichen Ausdauertrainings überhaupt, sowohl bei sportlichen Zielstellungen als auch bei medizinischen wie Prävention oder Rehabilitation.

Intensive aerobe Ausdauer

Das energieliefemde Substrat ist Glukose, die nach der glykolytischen Spaltung weiter aerob abgebaut wird. Glukose ist als Glykogen nur in beschränkter Menge in Muskulatur und Leber vorhanden. Mit zunehmender Intensität der Belastung wird ab etwa 50% der VO2max die Fettsäurenutilisation durch Glukoseabbau ersetzt, bis, ab einem Blutlaktatspiegel von etwa 4 mmol/l, die Fettsäurenmobilisierung aus den Depots blockiert und ausschließlich Glukose oxydiert wird. Das physiologische Kennzeichen der intensiven aeroben Ausdauer ist das Laktat- und VO2-Steady-state bei höherem Laktatspiegel. Die in der sportmedizinischen Literatur häufig gebrauchte Bezeichnung "anaerobe Phase" für Belastungen mit Laktatspiegeln von über 4 mmol/1 ist, soferne es sich um ein Laktat-Steady-state handelt, falsch, da bei gleichbleibendem Laktatspiegel die ATP-Resynthese nicht anaerob, sondem insgesamt zu 100 % aerob bewerkstelligt wird. Allfälliges im Skelettmuskel anaerob gebildetes Laktat wird dabei z. B. im Herzmuskel oxydiert.

Während die extensive aerobe Ausdauer den Energieumsatz vom Ruhezustand bis etwa 50 % der VO2max abdeckt, wird der Bereich von 70-100% der VO2max durch die intensive aerobe Ausdauer erschlossen (8-12 METS). Dazwischen gibt es einen Übergang. Die Bedingung zur Nutzung der intensiven aeroben Ausdauer ist daher die hohe Intensität, nicht in erster Linie die Dauer. Allerdings ist die mögliche Belastungsdauer auf Grund der beschränkten Glukosevorräte mit ca. 60 Minuten limitiert, wenn das Laktat-Steady-state bei 4-5. mmol/1 liegt. Die mögliche Belastungsdauer wird umso kürzer, je höher die Intensität und je höher das Laktat-Steady-state ist. Mit aerober Ausdauer kann der Ruheumsatz bei Untrainierten in etwa um das zwölffache gesteigert werden, entsprechend einer VO2max von 3,0 1 oder 15 kcal/min.

Intensives Ausdauertraining ist nur in der Vorbereitung auf entsprechende sportliche Wettkämpfe sinnvoll. Für medizinische Zielstellungen ist intensives Ausdauertraining wegen der damit verbundenen höheren Gefährdung abzulehnen.

Die anaerobe Ausdauer

Das ATP wird ohne 02-Verbrauch durch Spaltung energiereicher Verbindungen resynthetisiert. Sie wird eingesetzt, wenn der notwendige Energiefluß die aeroben Möglichkeiten übersteigt. Nach Art des dabei verwendeten energieliefernden Substraten können zwei Unterformen unterschieden werden:

Die laktazide anaerobe Ausdauer

Die energieliefemde Reaktion ist die Glykolyse, die den Energiefluß kurzfristig auf einen Spitzenwert von 150 kcal/min (= 120 METS) steigern kann. Diese Form der ATP-Resynthese dominiert bei Maximalbelastungen bis zwei Minuten Dauer, wobei insgesamt ca. 60-70 kcal zur Verfügung stehen. Vorraussetzung zur überwiegenden Nutzung dieser Ausdauerform ist eine entsprechend hohe Intensität und eine Belastungsdauer von höchstens zwei Minuten. Kennzeichen der laktazid anaeroben Ausdauer ist nicht der hohe Laktatspiegel an sich, sondern der rasche Laktatanstieg von 10 mmol/1 oder mehr pro Minute. Für den Laktatabbau nach der Belastung kann eine Geschwindigkeit von ca. 2 min/mmol/1 veranschlagt werden.

Auch diese Ausdauerform und ihr Training ist nur für entsprechende Wettkämpfe und in der Vorbereitung auf solche sinnvoll. Bei medizinischen Zielstellungen müssen laktazide anaerobe Ausdauerbelastungen vermieden werden.

Die alaktazide anaerobe Ausdauer

Die energieliefernde Reaktion ist die Kreatininphosphat(KP)-Spaltung. Die kann sehr hohe Energieflüsse von bis zu 300 kcal/min (240 METS) zur Verfügung stellen, allerdings nur für wenige Sekunden. Nach 10-15 Sekunden voller Aktivität ist diese Ressource bereits erschöpft. Daher .stehen insgesamt nur etwa 25 kcal zur Verfügung. Das ergibt, zusammen mit der laktazid anaeroben Kapazität eine Gesamtkapazität der anaeroben Ausdauer von ca. 100 kcal. Die alaktazide anaerobe Ausdauer wird nur bei maximalen Bewegungstempo optimal genutzt und ihr Training ist nur im Bereich des Leistungssports (Sprint) von Bedeutung

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Kraft

Kraft ist die Fähigkeit der Muskelzelle, Spannung zu entwickeln. Organische Grundlage dieser Fähigkeit sind die Myofibrillen. Kraftvermehrung bedeutet daher im wesentlichen Vermehrung der Myofibrillen und damit Dickenwachstum der Muskelzelle (Hypertrophie). So wie die Ausdauerleistungsfähigkeit durch Bestimmung der VO2rnax gemessen wird, so wird die Kraftleistungsfähigkeit durch Bestimmung der Maximalkraft gemessen und zwar in Form des sogenannten Einwiederholungsmaximums, das ist jene Kraftleistung, die bei maximaler willkürlicher Anstrengung gerade einmal erbracht werden kann. Dies kann auf einfache Art, z. B. mit Hantelgewichten, gemessen werden oder auch mit modernen elektronischen Dynamometem.

Krafttraining wird in der sportmedizinischeu Literatur in der Regel für ältere Menschen oder solche mit Hypertonie oder koronarer Herzkrankheit als ungeeignet und eher abträglich angesehen. Dies ist eine seit vielen Jahren tradierte Meinung, die weder auf Erfahrung noch auf experimentellen Studien beruht, sondern einem Vorurteil entspricht. Tatsächlich gibt es auch im Bereich der Prävention und Rehabilitation bis ins hohe Alter sinnvolle Indikationen für das Training der Kraft, und bei richtiger Dosierung und Gestaltung ist Krafttraining wirksam und sicher und hat insbesondere keine negativen Auswirkungen auf die Blutdruckregulation und den Lipidstoffwechsel.

Koordination

Darunter ist das Zusammenspiel von Nervensystem und Bewegungsapparat zu verstehen, also die neuromuskuläre Koordination, die die exakten Bewegungsabläufe ermöglicht, z. B. bei einer sportlichen Technik. In der Rehabilitation bezieht sich die Verbesserung der Koordination z. B. auf das Wiedererlernen des Gehens oder anderer Bewegungsformen des Alltags. Auch die Verbesserung der Koordination verbessert die Leistungsfähigkeit bei der geübten Bewegungsform. Es handelt sich aber dabei im wesentlichen um Lemprozesse, die keine feststellbaren morphologischen Veränderungen bewirken.

Schnelligkeit

Sie beruht einerseits auf der Funktionsfähigkeit der Muskulatur, wie sie durch den Maximalkrafttest erfaßt wird, und andererseits auch auf der neuromuskulären Koordination, durch die die schnelle Aktion der Bewegung ermöglicht wird. Sie spielt nur im Bereich des Sports je nach Sportart eine mehr oder weniger wichtige Rolle und bedarf auch nur für leistungssportliche Zielstellungen eines besonderen Trainings. Im übrigen kann man davon ausgehen, daß durch das Training der Maximalkraft auch die Schnelligkeit sozusagen automatisch mittrainiert wird.

Flexibilität

Dies bezieht sich auf den Bewegungsumfang der Gelenke und beruht auf der Dehnungsfähigkeit der Muskeln. Auch dies ist für sportliche Zielstellungen von Bedeutung aber auch zur Behandlung von muskulären Beschwerden.

Durch Training werden die motorischen Grundeigenschaften Ausdauer und Kraft beeinflußt, die restlichen drei durch Üben. Die im Folgenden erläuterten Gesetzmäßigkeiten beziehen sich daher auf das Ausdauer- und Krafttraining.

Grundprinzipien des Trainings

Diese im folgenden aufgeführten Grundprinzipien der medizinischen Trainingslehre beruhen auf biologischen Gesetzmäßigkeiten. Bei Mißachtung dieser Gesetzmäßigkeiten ist Training entweder unwirksam oder, insbesondere bei Anwendung bei Patienten, auch gefährlich. Dies gilt unabhängig davon, ob man diese Gesetzmäßigkeiten kennt oder nicht. Hierin unterscheidet sich die medizinische Trainingslehre nicht von anderen "...ologien" in der Medizin .

Auswahl der richtigen Bewegungsform

Nicht jede Bewegungsform ist gleich gut oder überhaupt für das Training der Kraft und/oder der Ausdauer geeignet. Dies kann auch dann gelten, wenn mit dieser Bewegungsform im Sport Höchstleistungen vollbracht werden. So kann z. B. mit Schwimmen die Kraft nicht nennenswert trainiert werden und mit Volleyball nicht die Ausdauer. Das motorische Beanspruchungsprofil einzelner Bewegungsformen inklusive von Bewegungsspielen ist bekannt, und es kann daraus die leistungsphysiologische Wirkung abgeleitet werden. Im Sport geschieht die Auswahl nach individueller Lust und Neigung. In der medizinischen Trainingslehre nach Zweckmäßigkeit. Das heißt, daß immer jene Bewegungsform ausgewählt werden soll, mit der das Trainingsziel, das auch ein therapeutisches sein kann, am besten erreicht werden kann. Für Ausdauertraining sind zyklische Bewegungsformen am besten geeignet, bei denen mindestens 1/6 der gesamten Muskelmasse mit geringem Krafteinsatz über mehrere Minuten eingesetzt werden kann; also z.B. Gehen, Laufen, Schwimmen und ähnliches. Für das Training der Kraft sind moderne Krafttrainingsmaschinen am besten geeignet. Nur so kann dem medizinischen Prinzip entsprochen werden, daß ein therapeutisches Ziel mit dem jeweils kleinsten notwendigen Eingriff erreicht werden soll.

Quantifizierung der Trainingsbelastung

Die Grundlage jeder seriösen medizinischen Therapie ist die Möglichkeit, die Dosis quantitativ exakt anzugeben. Nur damit ist auch die Erstellung einer Dosis-Wirkungsbeziehung möglich, wodurch die Therapie berechenbar wird. Dies gilt uneingeschränkt auch für Training. Training kann durch die Angabe von vier Maßzahlen exakt quantifiziert werden:

Intensität der Belastung

Dies ist die angewandte Belastung in Relation zur individuellen maximalen Leistungsfähigkeit, die mit einem leistungsdiagnostischen Test ermittelt werden muß. Die Intensität wird in Prozent angegeben. Damit eine Belastung trainingswirksam wird, muß eine Schwellenintensität überschritten werden.

Dauer der Belastung

Dies ist die Zeit, in der auf den Organismus eine Belastung mit trainingswirksamer Intensität einwirkt. Belastungszeiten, in denen die Intensität nicht trainingswirksam ist, können nach dieser Definition auch nicht als Trainingszeit gewertet werden. Damit eine Belastung als Training wirksam wird, muß auch für die Dauer eine Schwelle überschritten werden.

Häufigkeit der Belastung

Dies ist die Anzahl der nach Intensität und Dauer wirksamen Trainingseinheiten pro Woche. Auch hier gibt es eine Schwellenhäufigkeit.

Die wöchentliche Netto-Trainingsbelastung (WNTB)

Dies ist die Summe aller richtigen Trainingsbelastungen pro Woche und wird beim Krafttraining in Sätzen pro Muskelgruppe pro Woche (siehe unten) angegeben, beim Ausdauertraining in Minuten oder Stunden als wöchentliche Nettotrainingszeit (WNTZ). Die WNTB ist jene Trainingsmaßzahl, die den Trainingseffekt quantitativ determiniert. Sie ist also die Dosis, von der die Wirkung des Trainings in berechenbarer Weise abhängt. Die WNTB impliziert immer, daß das Training richtig, also auch gemäß den noch zu besprechenden Grundsätzen, durchgeführt wird. Körperliche Bewegung, die diesen Regeln nicht entspricht, darf daher auch nicht in die WNTB eingerechnet werden. Wenn dies nicht berücksichtigt wird, wird Training eben unberechenbar.

Beachtung von Mindestbelastungen

Dies bedeutet, daß die Trainingsmaßzahlen Intensität, Dauer und Häufigkeit bestimmte Minimalgrößen erreichen oder überschreiten müssen, damit die Belastung trainingswirksam wird. Es gibt also für Training Schwellengrößen, etwa vergleichbar der minimalen Hemmkonzentration bei einem Antibiotikum.

Diese Mindestgrößen sind:

bei Ausdauertraining:

Belastungsintensität

50 % der individuellen, aktuellen Ausdauerleistungsfähigkeit, wie sie mit einer leistungsdiagnostischen Ergometrie gemessen werden kann. Eine wirksame und sichere Intensität zur Entwicklung der extensiven aeroben Ausdauer ist 60 %, die allerdings über die gesamte Trainingsdauer eingehalten werden muß. Darüber hinaus ist das Einhalten irgendwelchen aerober, anaeroben oder individueller Schwellen oder bestimmter Laktatspiegel, entgegen den seit vielen Jahren in der sportmedizinischen Literatur kolportierten, vollkommen ungeprüften und durch die Praxis des Trainings vielfach widerlegten Behauptungen, nicht erforderlich, sondern im Gegenteil eher kontraproduktiv und sowohl für Patienten als auch für Leistungssportler unter Umständen wegen der Möglichkeit der Überforderung sogar gefährlich. Für sehr geschwächte Patienten, von weniger als 70 % der normalen Leistungsfähigkeit ist auch eine Intensität von 50 % bereits ausreichend. Bei Verbesserung der Leistungsfähigkeit durch Training ist allerdings auch auf die entsprechende Erhöhung der Intensität zu achten.

Da die Intensität immer ein Prozentsatz der aktuellen Leistungsfähigkeit ist, ändert sich eine bestimmte Intensität auch bei einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit, z. B. durch das Training selbst, nicht. Was sich ändern kann, ist die Trainingsleistung bei gleicher Intensität.

Die Einhaltung der richtigen Intensität wird durch die Beobachtung einer dieser Intensität entsprechenden individuellen Trainingsherzfrequenz (HFTR) gewährleistet, wodurch auch bei wechselnden Bedingungen, z. B. hügeliges Gelände oder Veränderung der Leistungsfähigkeit, die Intensität konstant gehalten werden kann. Diese individuelle Trainingsherzfrequenz wird mit der, aus der schon erwähnten Ergometrie ermittelten, maximalen Herzfrequenz (HFmax.) und der Ruheherzfrequenz (HFRuhe) mit folgender Formel abgeleitet:

HFTraining = HFRuhe + (Hfmax - HFRuhe) x F

F = 0,6 bei Leistungsfähigkeit > 70 % der Norm

F = 0,5 bei Leistungsfähigkeit < 70 % der Norm

Zur Beobachtung der HFTraining eignet sich besonders ein miniaturisierter, am Körper zu tragender Herzfrequenzmonitor im Armbanduhrformat (Pulsuhr). Darüber hinaus ist das Messen von Serumlaktatspiegeln während des Trainings vollständig überflüssig.

Belastungsdauer

Wie bereits erwähnt fällt unter den Terminus Belastungsdauer nur jene Trainingszeit, in der die Belastung über der Schwellenintensität liegt. Die so verstandene Dauer muß pro Trainingseinheit zehn Minuten überschreiten, ist allerdings nach oben offen.

Trainingshäufigkeit

Nach Intensität und Dauer richtige Trainingseinheiten müssen zweimal pro Woche oder öfter absolviert werden.

Krafttraining

Intensität

Hier ist die Intensität das Trainingsgewicht in Relation zur maximalen Leistungsfähigkeit in Form des Einwiederholungsmaximums. Bei gleicher Intensität ist also das Trainingsgewicht für verschieden kräftige Muskelgruppen, z. B. der Arme und der Beine, unterschiedlich und muß daher auch für jede Muskelgruppe gesondert bestimmt werden. Bei Rehabilitationstraining, z. B. nach Verletzung oder Operation einer Extremität, auch für links und rechts getrennt.

Um größere Belastungen des Kreislaufs und Preßatmung zu vermeiden, falls dies bei älteren Personen oder bei Patienten mit vorgeschädigtem Kreislauf erforderlich ist, müssen Belastungen großer Muskelgruppen vermieden werden! Es werden dann mehrere Übungen für kleinere Muskelgruppen ausgesucht, die insgesamt den gleichen Effekt wie die Übung für die große Muskelgruppe haben. So kann die Übung "Kniebeuge" unter Zuhilfenahme moderner Trainingsmaschinen in je zwei bis drei Übungen für das linke und rechte Bein aufgelöst werden.

Die minimale Intensität ist 30 %, die angemessene Intensität für Anfänger ist 50 % und für bereits länger Trainierende liegt die optimale Intensität bei 70-80 %.

Dauer

Die Belastungsdauer entsteht normalerweise durch das pausenlose Wiederholen ein und derselben Übung mit dem richtigen Trainingsgewicht. Diese Entität wird ein Satz genannt. Die Wiederholungszahl pro Satz war dann richtig, wenn sie zu einer merklichen Muskelermüdung geführt hat, im besten Falle bis zur Unmöglichkeit, die Übung ein weiteres Mal zu wiederholen (Prinzip der letzten Wiederholung). Tritt dies nicht ein, dann war der Satz im Hinblick auf die Kraftentwicklung weitgehend wirkungslos. Die Häufigkeit der Wiederholungen pro Satz und die Intensität stehen in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis. Die individuelle Feinabstimmung der Intensität bei jedem einzelnen Training erfolgt dadurch, daß das Gewicht so modifiziert wird, daß die letzte Wiederholung die 8.-12. ist. Sind mehr Wiederholungen möglich, dann soll das Gewicht beim nächsten Training erhöht werden. Dies ist die Methode des "Fortlaufend adaptierten Krafttrainings" (FAKT).

Die Belastungsdauer wird nicht durch die Erhöhung der Wiederholungszahl pro Satz gesteigert, sondern durch die Anfügung weiterer, gleichartiger Sätze. Wenn dies der Fall ist, so soll zwischen zwei Sätzen für eine Muskelgruppe eine Pause von 2-5 Minuten eingelegt werden.

Häufigkeit

Das Minimum ist ein richtiger Satz pro Woche, allerdings für jeden einzelnen Muskel bzw. für jede Muskelgruppe: also ein Satz pro Muskelgruppe pro Woche. Jede Muskelgruppe kann in der Regel mit mehreren verschiedenen Übungen trainiert werden (dies ist ein Problem der funktionellen Anatomie). Daher muß beachtet werden, daß mehrere Übungen pro Muskelgruppe, häufig vorgegeben durch verschiedene Krafttrainingsmaschinen, auch mehrere Sätze pro Muskelgruppe bedeuten.

Um systematisch die gesamte Skelettmuskulatur zu trainieren, sind ca. 10-12 verschiedene Übungen notwendig, die in einer Trainingseinheit absolviert werden können.

Die Angemessenheit der Trainingsbelastung

Dieses Prinzip besagt, daß die WNTB immer der aktuellen Leistungsfähigkeit des Individuums entsprechen und sich daher mit dieser verändern muß.

Im Ausdauertraining ist die minimale WNTZ bei sehr geschwächten Individuen mit einer ergometrischen Leistungsfähigkeit von weniger als 75 % des Sollwertes 30 Minuten (bei ambulantem Training). Bei Hochleistungssportlern im Ausdauerbereich kann die WNTZ auch 15 Stunden oder mehr betragen (ca. das 30fache).

Im Krafttraining beträgt die minimale WNTB einen Satz pro Muskelgruppe pro Woche. Bei Hochleistungssportlern im Kraftbereich beträgt die WNTB 30 Sätze pro Muskelgruppe pro Woche (ebenfalls ca. das 30fache).

Die systematische Steigerung der Trainingsbeiastung

Dieser Grundsatz besagt, daß die WNTB in regelmäßigen Abständen gesteigert werden muß, wenn die Leistungsfähigkeit weiter erhöht werden soll. Geschieht dies nicht, so verbleibt die Leistungsfähigkeit auf dem der aktuellen WNTB angemessenen Niveau.

Die Steigerung soll in Intervallen von sechs Wochen oder länger erfolgen und ca. 25-50 % der aktuellen WNTB betragen. Im Prinzip kann diese systematische Steigerung die ganze angeführte Spannweite durchlaufen. Dies nimmt aber 5-7 Jahre in Anspruch und ist nur für hochleistungssportliche, also nur sehr selten relevante Zielstellungen erforderlich.

Die Realisierung der Punkte für die mehrjährige, leistungssportliche Entwicklung der Ausdauer ist in der folgenden Abbildung 1 dargestellt (rel. TZ% bedeutet den Anteil des jeweiligen aktuellen Ausdauertrainingszustandes in Prozent des für Hochleistungen erforderlichen).

Für den Bereich des therapeutischen Trainings im ambulanten Bereich sind diese Grundsätze in Tabelle 1 realisiert.

Die Stufe 7 entspricht umfangmäßig in etwa dem 3. Trainingsjahr des mehrjährigen Planes. Die angemessene Zuordnung zu einer Trainingsstufe erfolgt durch die ergometrisch ermittelte Leistungsfähigkeit in % der Norm, die in der fünften Spalte der Tabelle aufgesucht wird. Mit der WNTZ dieser Stufe (= Zeile) wird begonnen. Dieses Training bewirkt dann eine LF % entsprechend der nächst höheren Stufe im Verlauf von etwa sechs Wochen. Dann muß auch die WNTZ der nächst höheren Stufe angewendet werden, falls die LF noch weiter entwickelt werden soll. Das Zeichen deutet an, daß diese Trainingsstufe für präventive oder therapeutische Zwecke ein Leben lang beibehalten werden kann, falls man mit der erreichten LF zufrieden ist.

 

Angemessenheit und systematische Steigerung der wöchentlichen Netto-Trainingszeit bei der Entwicklung der Ausdauer im therapeutischen Training für Rehabilitation, Gesundheit und Freizeitsport auf ambulanter Basis

 

 

Angemessenheit und systematische Steigerung der wöchentlichen Netto-Trainingszeit bei der Entwicklung der Ausdauer im therapeutischen Training unter den Bedingungen eines stationären Rehabilitationstrainings

 

 

Angemessenheit und systematische Steigerung der wöchentlichen Netto-Trainingsbelastung in Sätzen/Muskelgruppe/Woche bei der Entwicklung der Kraft im therapeutischen Training für Rehabilitation, Gesundheits- und Freizeitsport

 

Auf die Belange eines stationären Rehabilitationstrainings ist die Tabelle 2 ausgerichtet: Angemessenheit und systematische Steigerung der wöchentlichen Netto-Trainingszeitbei der Entwicklung der Ausdauer im therapeutischen Training unter den Bedingungen eines stationären Rehabilitationstrainings. Der Plan für das stationäre Training ist auf sechs Wochen ausgelegt. Ist die LF % zu Beginn schon > 75 %, so wird mit der entsprechenden höheren Stufe begonnen. Die WNTZ der Stufe 4 soll aber nicht überschritten, sondem, falls sie früher erreicht wird, länger beibehalten werden. Samstag und Sonntag sind sowohl aus organisatorischen Gründen (Personal) als auch aus leistungsmedizinischen Gründen trainingsfrei, um der Gefahr einer Überforderung vorzubeugen. Das Training kann am Fahrradergometer aber auch als Schwimmen- oder als Terrainkur absolviert werden. Alle Belastungsformen müssen aber auf die WNTZ angerechnet werden. Es ist nicht zulässig, zusätzlich zu einer angemessenen Ergometertrainingsbelastung noch z. B. Terrainkuren zu verordnen, nur weil das z. B. im Routinebetrieb so üblich ist. Wichtig ist die kontinuierliche Überwachung der individuellen Trainingsherzfrequenz durch den trainierenden Patienten selbst, nach entsprechender Instruktion, z. B. mit Hilfe eines PE- Sporttesters (Pulsuhr), da nur so eine kontinuierliche und exakte Regelung des Tempos bzw. des Widerstandes möglich ist. Eine telemetrische Überwachung ist dafür weniger gut geeignet, da die Regelung des richtigen Tempos bei einer derartigen indirekten Rückkoppelung sehr erschwert ist. Falls die Exkursion bei einer Terrainkur länger dauert als die vorgesehene Trainingszeit, so ist darauf zu achten, daß in der restlichen Zeit das Tempo entsprechend verringert wird und die Belastung deutlich unter dem trainingswirksamen Bereich bleibt. Es ist anzunehmen, daß in einer Gruppe, bei Berücksichtigung der individuellen Besonderheiten, nicht alle das gleiche Tempo einhalten werden können.

 

Tabelle 3 enthält einen Vorschlag für ein systematisch aufgebautes Krafttraining mit der Zielsetzung einer allgemeinen Entwicklung des aktiven Bewegungsapparates. Das heißt, daß die Sätze/Muskelgruppe/Woche mit der Anzahl der verschiedenen Übungen für alle Muskelgruppen multipliziert werden müssen, um auf die Gesamtzahl der Sätze/Woche zu kommen. Sehr geschwächte und ältere Personen beginnen in Gruppe 1, "normale" Anfänger in Gruppe 2. Für gesundheitsorientiertes Krafttraining ohne leistungssportliche Zielstellung bedeutet die Stufe 6 oder 7 bereits ein Optimum.

Für die richtige Auswahl der einzelnen Übungen, unter Umständen auch einseitig für Zwecke der Rehabilitation, sind Kenntnisse der funktionellen Anatomie und der im Krafttraining verwendeten Sportgeräte, wie Hanteln oder Trainingsmaschinen erforderlich.

Die zyklische Gestaltung des Trainings

Dieses Prinzip impliziert einen systematischen Wechsel von Belastung und Erholung, den beiden paretischen Gegensätzen des Trainings. Im Leistungssport bedeutet das die komplexe Durchkonstruktion des gesamten Trainingsjahres auf mehreren Ebenen (Periodisierung des Trainingsjahres in Mikro,- Meso-, Makrozyklen und Perioden), worauf aber hier nicht näher eingegangen werden soll.

Für die Praxis des Rehabilitations- und Gesundheitstrainings läuft dies auf die Empfehlung hinaus nicht täglich zu trainieren, sondern wenigstens zwei, besser drei trainingsfreie Tage pro Woche einzuhalten.

Das Definieren von Trainingszielen

Dieser Grundsatz besagt, daß bereits zu Beginn, bei der Planung des Trainingsprogrammes, das Trainingsziel möglichst genau festgelegt werden soll. Es kann sich dabei um therapeutische Ziele handeln, z. B. im Rahmen der Rehabilitation oder bei der Behandlung der Hypercholesterinämie, oder um sportliche Ziele. Dies kann wiederum ein leistungssportliches Ziel sein aber auch ein Abenteuerurlaub mit einer mehrwöchigen, anstrengenden Trekkingtour. Die Definition des Trainingszieles ist deswegen wichtig, weil es möglich ist, anzugeben, welcher Trainingszustand (in LF %) optimal ist um das angestrebte Ziel ohne wesentliche konditionelle Probleme zu bewältigen. An Hand der Tabelle 1 kann bestimmt werden, mit welcher WNTZ diese optimale LF erreicht werden kann. Daraus leitet sich dann ab, bis zu welcher Stufe die systematische Steigerung der Trainingsbelastung erfolgen soll.

Die Ziele kann man grob in drei Gruppen kategorisieren:

1.      Die normale Leistungsfähigkeit entsprechend einer ergometrischen Leistungsfähigkeit von 90 - 110% der Norm, für Beruf und Freizeit mit gelegentlichen "sportlichen" Tätigkeiten, wie z. B. Tennisspielen, Schifahren oder Wandern. Diese LF % wird mit einer WNTZ von 45-60 Minuten erreicht.

2. Eine überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit von 110-125%, um auch für regelmäßige sportliche Tätigkeiten, oder auch für größere Vorhaben, wie z. B. eine mehrtägige Bergwanderung, gerüstet zu sein. Ferner fällt in diese Kategorie auch der optimale präventivmedizinische Nutzen als Trainingsziel. Voraussetzung für diese LF % ist eine WNTZ von etwa 60-120 Minuten.

3.Eine hohe Leistungsfähigkeit von 125-140 % des ergometrischen Normalwertes für sportliche "Extremleistungen", wie z. B. Teilnahme an einem Marathonlauf, mehrwöchiges Trekking u. ä. Dies erfordert eine WNTZ von 2-4 Stunden.

 

Grundsätzlich für jeden ist Kategorie 2) empfehlenswert. Trainingsziele entsprechend 3) sind bereits mehr, als für therapeutische oder präventivmedizinische Zwecke erforderlich ist. Dies gilt auch für die mehrjährige Entwicklung der Ausdauer gemäß Abb. 1, die nicht auf Grund einer ärztlichen Empfehlung angestrebt wird (da ein derart umfangreiches Training keinen medizinischen Nutzen, hingegen durchaus Risken bringt), sondern aus anderen als gesundheitlichen Motiven, z. B. Ehrgeiz oder Abenteuerlust.

Die Ganzjährigkeit des Trainings

Dieses Prinzip fordert, daß das Training das ganze Jahr über durchgeführt werden muß, also alle 52 Wochen. Bei einer Unterbrechung des Trainings kann bereits nach zehn Tagen ein Rückgang der Leistungfähigkeit festgestellt werden. Unter diesem Aspekt wird verständlich, daß z. B. das ambulante Training die eigentliche Basis jeder langfristigen Rehabilitation ist.

Trainingsmethoden der motorischen Grundeigenschaft Ausdauer

Extensives aerobes Ausdauertraining

Die Basis ist die kontinuierliche Methode, bei der gleichmäßig mit der individuellen Trainingsherzfrequenz über eine vorher festgelegte Zeit trainiert wird. Die Regelgröße ist die Trainingsherzfrequenz, das Tempo wird entsprechend variiert. Varianten sind das Fahrtspiel und das extensive Intervalltraining, das z. B. eingesetzt werden kann, wenn zu Beginn einer Rehabilitation bei sehr geschwächten Personen die kontinuierliche Methode noch nicht möglich ist.

Intensives aerobes Ausdauertraining

Die Regelgröße für das intensive aerobe Ausdauertraining ist das angestrebte Wettkampftempo über eine ganz bestimmte Wettkampfstrecke in einer bestimmten Sportdisziplin, und es dient nur der Vorbereitung auf einen solchen Wettkampf. Für medizinische Zielstellung, wie Rehabilitation oder Gesundheitstraining, ist daher intensives aerobes Ausdauertraining nicht nur sinnlos, sondern wegen der höheren Gefährdung auch kontraindiziert. Auch hier wird eine kontinuierliche Methode und das intensive Intervalltraining angewendet. Intensives Ausdauertraining kürzererer Dauer kann systematisch aufgebautes, umfangreicheres extensives Ausdauertraining auf keinen Fall ersetzen.

Laktazid anaerobe Ausdauer

Hier gilt in noch wesentlich stärkerem Maße das vorher Gesagte. Die Trainingsmethode ist das Wiederholungstraining, in dem ein bis zwei Minuten dauernde Belastungen im Höchsttempo angewendet werden, zwischen denen bis zu 30 Minuten Erholung eingehalten werden müssen.

Trainingsmethoden der motorischen Grundeigenschaft Kraft

Krafttraining ist im wesentlichen Training der Maximalkraft, wie sie mit dem EWM gemessen wird. Jede andere von der Kraft abhängige motorische Subeigenschaft, wie z. B. die Kraftausdauer, die Schnellkraft u.a., werden mit der Maximalkraft automatisch mittrainiert, so daß ein besonderes Training dieser Eigenschaften in der Regel überflüssig ist. Nur bei besonderen, zumeist leistungssportlichen Zielstellungen ist ein Training dieser Untereigenschaften erforderlich, aber auch erst, nachdem die Maximalkraft ein von der Sportart abhängiges Grundniveau erreicht hat.

Wie oben erwähnt bedeutet Training der Maximalkraft nicht Training mit der Maximalkraft.

Das Maximalkrafttraining mit verschiedenen Übungen und mehreren Sätzen pro Muskelgruppe kann mit zwei verschiedenen Organisationsformen realisiert werden:

Das Stationstraining, bei dem alle Sätze einer Übung abgearbeitet werden, bevor man zur nächsten Übung geht. Und das Zirkeltraining, bei der nach jeder Übung zu einer anderen gewechselt wird, die eine andere Muskelgruppe beansprucht. Dies ermöglicht es, die Pausen zwischen den Sätzen zu verkürzen.

Allgemein ist zu den Gesetzmäßigkeiten und der Methodik des Trainings noch anzumerken, daß diese nicht von der Art oder Schwere einer eventuellen chronischen Erkrankung abhängen, wie ebenfalls häufig fälschlicherweise in der Literatur angeführt wird.

Auch bei sehr fortgeschrittenen Zuständen chronischer Erkrankungen ist Training, soferne der Zustand einigermaßen stabilisiert werden kann, indiziert, um jenen Anteil der Leistungsfähigkeit wiederzuerlangen, der durch die krankheitsbedingte Immobilisierung und nicht durch die Erkrankung selbst verloren gegangen ist

(z.B. Training in der Vorbereitung auf eine Lungentransplantation, wie dies an der Klinischen Abteilung für Pulmologie der Univ. Klinik für Innere Medizin IV durchgeführt wird). Der Ersatz von Training durch koordinationsfördernde Übungsprogramme, wie dies für sehr geschwächte Herzpatienten häufig empfohlen wird, bedeutet, daß gerade jenen Patienten, die das Training am dringendsten brauchen, dieses vorenthalten wird.

Es ist zunächst zu klären, ob Training bei der konkreten Fragestellung überhaupt indiziert und zulässig ist. Wenn das zutrifft, was allerdings sehr häufig der Fall ist, dann wird Training nach seinen eigenen, geschilderten Regeln eingesetzt. Es können also durchaus koronar Herzkranke und Patienten mit COPD das gleiche Training nach den gleichen Grundsätzen absolvieren, wobei diese implizieren, daß jeder individuell dosiert belastet wird. Unterschiede gibt es natürlich in den Vorsichtsmaßregeln und in der Notfallmedikation, in der betreuende Ärzte natürlich geschult sein müssen.

Allgemeine Regeln zur Sportberatung bei erhöhtem Risiko

Kurativmedizinisch ausreichende Behandlung der Grunderkrankung

Training und Sport sind in gar keinem Fall ein Ersatz für die normale kurative Behandlung einer allfälligen Grunderkrankung. Insbesondere Training kann allerdings durchaus Teil eines komplexen Behandlungskonzepts einer chronischen Erkrankung sein. Der Terminus "ausreichende Behandlung" kann, z. B. bei Diabetes mellitus oder Asthma bronchiale, durchaus auch eine Patientenschulung umfassen. Die Sport- und Leistungsmedizin versteht sich sicher nicht als Altemativ- oder Komplementärmedizin.

Jederzeit gefahrlos unterbrechen können

Bei vielen chronischen Erkrankungen kann binnen kurzem, unter Umständen innerhalb von Minuten, eine erhebliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes eintreten, z.B. in Form eines Angina pectoris- oder Asthmaanfalles. Das Training bzw. die Sportausübung muß so angelegt sein, daß es jederzeit möglich ist, aufzuhören, sich hinzusetzen und eventuell ein Notfallmedikament einzunehmen, ohne sich oder andere dadurch zu gefährden. Beispiele für Sportarten, wo dies nicht möglich ist, sind Felsklettem oder Tauchen mit Gerät. Für die qualifizierte sportärztliche Beratung ist daher die einschlägige Kenntnis der verschiedenen Sportarten erforderlich, was aber keinesfalls heißt, daß der beratende Arzt diese Sportarten auch selbst alle betreiben muß.

Notfallmedikation mitführen

Ein Sporttreibender mit einer chronischen Erkrankung muß alle zur Beherrschung eines Notfalles erforderlichen Medikamente dabei haben, und er muß durch systematische Schulung auch in der Lage sein, diese allein, ohne ärztliche Hilfe richtig einzusetzen.

Umfeld beachten

Für Patienten mit chronischen Erkrankungen ist es für die allgemeine Sicherheit wichtig, daß binnen eines Tages auch suffiziente ärztliche Hilfe inklusive Spitalspflege verfügbar ist. Dies ist, auch z. B. bei größeren Wanderungen in Österreich überall der Fall. Anders ist dies bei den heute zunehmend beliebter werdenden Abenteuer- und Trekkingurlauben, wo die technisch vielleicht unschwierige Wanderung oft mehrere Tagesreisen von der nächsten Hilfemöglichkeit wegführt und häufig auch keine Möglichkeit einer raschen Bergung besteht.

Dies gilt im Prinzip auch für gesunde Personen, bei denen aber das Risiko, plötzlich zu

erkranken, natürlich geringer ist.

Ausreichendes Niveau der motorischen Grundeigenschaften

Vor jeglicher Sportausübung soll sichergestellt sein, daß die Leistungsfähigkeit wenigstens im Normalbereich liegt. Ist dies nicht der Fall, so muß zunächst angestrebt werden durch ärztlich verordnetes Training eine normale altersentsprechende Leistungsfähigkeit zu erreichen.

Spezielle Vorgangsweise bei der Beratung von Personen mit chronischen Erkrankungen oder anderen Risikofaktoren

Allgemeine Anamnese

Die Kenntnis der allgemeinen Anamnese, insbesondere allfälliger chronischer Erkrankungen und Risikofaktoren, ist eine Grundlage der zufriedenstellenden ärztlichen Beratung, z.B. um Notfallmaßnahmen besprechen zu können. Es ist allerdings nicht erforderlich, daß der leistungsmedizinisch beratende Arzt diese Probleme auch selbst behandelt. Die Evaluierung allfälliger chronischer Erkrankungen ist daher keine eigentliche Aufgabe der Sportmedizin- und Leistungsmedizin, auch wenn in Lehrbüchem der Sportmedizin die normale klinische Diagnostik häufig einen breiten Raum einnimmt. Besondere Kenntnisse, z. B. von aufwendigen kardiologischen Untersuchungsmethoden sind daher zur zufriedenstellenden leistungsmedizinischeu Beratung nicht erforderlich. Im Bedarfsfall können derartige Untersuchungen (z. B. Echokardiographie oder nuklearmedizinische Techniken) von Spezialisten angefordert werden.

Sportliches Ziel und Sollzustand definieren

Von großer Bedeutung ist es, gemeinsam mit dem Patienten das sportliche Ziel festzulegen, das im Einzelfalle durchaus auch ein touristisches Ziel sein kann, z. B. wie erwähnt eine Trekkingtour. Von dem festgelegten sportlichen Ziel wird nämlich die dafür erforderliche Leistungsfähigkeit abgeleitet, und davon wieder das dafür erforderliche Trainingsprogramm. Die sportlichen Ziele werden in drei Gruppen kategorisiert und die zur Erlangung der erforderlichen LF % notwendige WNTZ festgelegt.

Feststellung des Istzustandes mittels Ergometrie und Krafttest

Der nächste Schritt ist die ergometrische Leistungsdiagnostik, bei speziellen Fragestellungen eventuell auch Krafttests. Die Ergometrie ergibt die aktuelle Leistungsfähigkeit, den Istzustand in % eines alters-, geschlechts- und körpermaßenbezogenen Norrnalwertes. Der Istzustand kann in vielen Fällen auch erheblich unter dem Normalwert liegen.

Festlegung des Trainingsprogrammes zur Erreichung des Sollzustandes

Nach der Festlegung des Sollzustandes und Bestimmung des Istzustandes kann mit Hilfe der Tabellen ein konkretes Trainingsprogramm entworfen werden. Aus dieser Tabelle kann auch abgeschätzt werden, welcher Zeitraum zur Erlangung eines bestimmten Zieles erforderlich ist und ob dies in der vom Ratsuchenden angegebenen Zeit, z. B. bis zum Abreisetermin für eine Trekkingtour, realistischerweise auch möglich ist. Gegebenenfalls muß zu einer Verschiebung der geplanten Aktivität geraten werden. So ist für einen bislang Untrainierten für eine einigermaßen vernünftige Vorbereitung auf einen Marathon eine Vorbereitungszeit von mindestens einem Jahr anzusetzen.